Sonntag, 17. Februar 2008

Das experimentelle Seminar (Schlussitzung)

Ich finde es sehr schön, dass gerade am Beispiel eines "experimentellen" Seminars sich zeigt, dass Wissenschaftlichkeit relativ schnell an ihre Grenzen kommen kann. Ich erkläre das Experiment für überaus gelungen.
Sobald der untersuchte 'Gegenstand' (hier: die Puppe) mehr ist als messbar, ist der Zugriff darauf oder das Reden darüber abhängig von x Abmachungen, die dann jeweils nur für die gerade laufende Fragestellung gelten.
Die einfache Frage "Was ist eine Puppe?" bringt uns bereits in Verlegenheit.
"Was ist der Mensch?" ist eine ähnlich einfache Frage – sie ist bis heute nicht beantwortet bzw. ausdiskutiert.
Könnte es vielleicht etwas damit zu tun haben, dass in den Geisteswissenschaften "Geist" steckt, dass "Geist" unstofflich ist und sich gerade deshalb dem Zugriff eher entzieht? Man kann sich an einen 'geisteswissenschaftlichen Gegenstand' von allen möglichen Seiten heranpirschen, aber endgültig fassen, festnageln oder gar ad acta legen lässt er sich nie.

Ist das nicht wunderbar?

Samstag, 16. Februar 2008

Schamanen, Zauberer, Marionetten, Schattenspiele, Scherenschnitte

In einem erst kürzlich publizierten Buch* habe ich folgende Passage gefunden:

Zum Marionettentheater:

Gedruckt zu lesen, wäre freilich manches oft nicht zum Aushalten, was im (Marionetten-)Spiel sich gut ausnimmt. Es ist sonderbar, aber mir wenigstens kommen die Marionetten viel ungezwungener, viel natürlicher vor als lebende Schauspieler. Sie vermögen mich viel mehr zu täuschen. Beim Schauspieler weiss man, er möge unter einer Rolle auftreten, unter welcher er wolle, eben immer, wer es ist, es steht ja schon auf dem Comödienzettel: König Artur – Herr Krebs u.s.w. Die Marionetten aber haben kein aussertheatralisches Leben, man kann sie nicht sprechen hören und nicht kennen lernen, als in ihren Rollen, auch tragen sie keinen Namen und heissen weder Madame noch Monsieur. Bei Marionetten und Schattenspielen ist eher die Täuschung, als gehe die Begebenheit wirklich im Ernste an einem Orte der Welt vor und könne wie durch einen Zauberspiegel hier im Kleinen, als in einer camera obscura mit angesehen werden. Das Fach der Marionetten und Schattenspiele stünde einem wahrhaft noch zur Bearbeitung offen. (aus dem Briefwechsel v. J. Kerner mit seinen Freunden, siehe*, S. 35)

Frei übersetzt heisst das wohl: Marionetten sind die wahrhaftigeren Schauspieler!



Und zum Schattenspiel:

K. A. Varnhagen hebt den geselligen Charakter des Ausschneidens und die durchschlagende Wirkung der Scherenschnitte in Gesellschaft hervor. Deshalb grenzt er sich zunächst gegen die "herumziehenden Silhouetteurs" ab, "die hungrig an der Wirtstafel für einige Groschen jede Philister-Physiognomie gut oder übel aus ihren Klauen abstrahieren". (*, S. 60)

....Varnhagen beschreibt hier zunächst die für die Scherenschnitte benötigten Geräte: ein Blatt Papier, eine Schere, ausreichend Licht durch die Lampe, gegen die das Papier gehalten wird. Der Scherenschnitt ist eine handwerkliche Kunst. Zudem wird sie, was ihre Ausführung betrifft, offen vor den Augen der Zuschauer ausgeführt. Die Zuschauer sind in den Prozess einbezogen: die allmähliche Verfertigung der Bilder beim Ausschneiden.... (*, S. 61)

Wir erinnern uns an die Beschreibungen von Schamanen-Heilungen in der Öffentlichkeit, an die Vorführungen von Zaubertricks ohne Netz und doppelten Boden, wo die Offensichtlichkeit des Tricks die Faszination erhöht, sowie an die penible Unterscheidung zwischen Meister und Scharlatan.
Apropos 'Werkzeug':

...Varnhagens Hilferuf nach "einer guten Scheere"...wird erhört. Am 7. Februar 1809 meldet Varnhagen an Rahel Levin: "Von Froriep hab ich eine ziemlich gute Scheere bekommen, die vormals zu Augen-Operationen diente."
Der Satz Varnhagens ist zunächst einmal in all der Materialität und Pragmatik zu nehmen, die ihn diktiert. Scheren, die zu Operationen verwendet worden sind, mussten in der Tat scharf und feingeschliffen sein. Selbst eine ausgediente und ausgemusterte Operationsschere stellte also ein ziemlich gutes Gerät zum Scherenschneiden dar. Darüber hinaus ruft jedoch die 'Augenschere' ein dichtes diskursives Gefüge auf, das sich aus den Elementen Sichtbarkeit, dem operativen Eingriff und dem Freilegen des Inneren' und der medialen Modellierung des Schattens als Mittler zwischen der inneren Signatur und dem äusseren, medial festgehaltenen Bild zusammensetzt – und damit einmal mehr die Grenze zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit variiert. ....(*, S. 57)

.....Aber zugleich soll in den Schatten nicht nur die Aussenhaut der Dinge und Menschen zu erkennen sein und schon gar nicht ein flüchtiger Augenblick; vielmehr sollen sie den inneren Charakter preisgeben. (*, S. 58)

Ei der Taussig!

* Braun, Peter: Mediale Mimesis. Licht- und Schattenspiele bei Adelbert von Chamisso und Justinus Kerner. München: Fink, 2007.

Freitag, 1. Februar 2008

Bunraku – "Dolls" (Sitzung v. 24.01.08)

Ja, was machen wir jetzt damit:
Puppen, die so menschenähnlich wie möglich gestaltet werden, um in einer Puppenspielart benutzt zu werden, die relativ illusionslos funktioniert. Die Puppen werden von drei Spielern geführt, sichtbar für die Zuschauer, ohne Verdunkelung, wenn man die Verhüllung der Gesichter von zwei der drei Spieler ausser Acht lässt. Bunraku ist ein sehr kunstvolles künstliches Spiel mit sehr kunstvoll gearbeiteten, möglichst naturgetreuen Puppen.
Annahme: Es sollen wohl zwei Dinge deutlich werden:
Es geht um uns, die Zuschauer; wir sollen uns in den Puppen wiedererkennen.
Es geht um unser Schicksal; wir sollen (neu) erkennen, dass wir vollkommen fremdgesteuert sind.
Frage: Sollen wir uns angesichts dieser unerfreulichen Tatsache bescheiden? Und uns netterweise auch wie Puppen benehmen, wenn wir schon als solche gedacht sind?
Oder haben wir eine Alternative und sind aufgerufen, die Lähmung, die die Erkenntnis des Ferngesteuertseins auslöst, abzuschütteln und selber aktiv zu werden, unser Leben selber in die Hand zu nehmen? (Wie der stark Behinderte, der sich seine Beweglichkeit nicht nehmen lässt?)

In einem anderen Seminar habe ich aus berufenem Munde vernommen, dass der (europäische) Mensch des 19. Jahrhunderts nicht mehr tragödienfähig gewesen sei. In „Dolls“ werden die Protagonisten dadurch wieder tragödienfähig, dass sie sich nicht vor ihrem Schicksal drücken, das darin besteht, sich entgegen den Plänen des Vaters für die Liebe zu entscheiden und die Konsequenzen zu tragen, den gemeinsamen Tod. Allerdings wird es so dargestellt, als ob es nicht ihre Entscheidung wäre, sondern als ob es gar keinen anderen Weg gäbe – die Puppenspieler bestimmen ja ihr Leben.

Aber es gäbe durchaus Alternativen. Wahrscheinlich ungewisse, mühselige, leidvolle...
Kann man sich eventuell auch aus der Eigenverantwortung stehlen, indem man den „tragischen“ Weg wählt?

Ich weiss wenig über asiatische Kulturen und weiss nicht, ob man zu diesem Film solche Überlegungen überhaupt anstellen kann.

Dienstag, 22. Januar 2008

Chinesisches Schattentheater (Sitzung vom 17.01.08)

Der Herr Braun hat gesagt:
Es ist ratsam, die europäischen Vorstellungen von des Schattens Bedeutung restlos zu vergessen, wenn man sich mit chinesischem Schattentheater befasst.
Dieser Ausspruch wird widerlegt durch einen der Ursprungsmythen des chinesischen Schattentheaters:
Kaiser Wu lässt sich seine verstorbene Frau mittels eines Schattens(piels) vergegenwärtigen, um mit ihr zusammen zu sein, mit ihr zu sprechen. Da steht der Schatten für einen verstorbenen Menschen. Es herrscht also die Vorstellung, die Seele der Verstorbenen sei in den Schatten gefahren. Das ist doch eine sehr europäische Sichtweise, oder verwechsle ich da etwas?

Glaube oder Aberglaube (Sitzung vom 10.01.08)

Ist diese Unterscheidung wirklich relevant? Wir sind ja weder Jesuiten noch Päpste noch andere Krämerseelen. Abergläubische und gläubige Verhaltensweisen reagieren auf dasselbe: auf die Urangst oder mindestens das Unbehaustsein des Menschen in dieser Welt. Um sich zu orientieren, um sich – mindestens partiell – irgendwo aufgehoben zu wissen, schafft der Mensch sich Orte oder Bereiche, innerhalb derer er sich sicher fühlen kann. Ob das nun abergläubische oder religiöse Kulte oder Riten sind, ist doch völlig egal. Die Sitten und Gebräuche im kultischen Bereich gleichen sich sowieso, wo auch immer auf dieser Welt der Mensch sich einrichten muss. Das Angewiesensein auf rituelle Orientierungshilfen verändert sich klar mit dem Grad der Zivilisation und des sozialen Status, aber verschwinden wird das Bedürfnis nie. Denn restlos abnabeln wird sich der Mensch nie können. Ein Quentchen Gefährdung bleibt. Die ca. 4 Millionen Jahre des Menschen fallen gegenüber den ca. 4 Milliarden des Planeten Erde nun wirklich nicht ins Gewicht – Mutter Erde ist viel mächtiger, sei es nun grobstofflich oder feinstofflich.
Fazit: Wir sind arme Schweine und müssen uns einiges einfallen lassen, um unser Leben trotzdem leben zu können.

Samstag, 5. Januar 2008

Edward Gordon Craig (1872-1966)

war ein Theatermann vom Scheitel bis zur Sohle, vom frühen Morgen bis zum späten Abend "von Feuer erfüllt" (I. Duncan), einer der wichtigsten Theaterrefomer des 20. Jahrhunderts.

Zur Übermarionette:
Der entscheidende Vorteil der Marionette gegenüber dem Schauspieler ist laut Craig die Tatsache, dass die Abwesenheit von Emotion und Egoismus letztlich eine intensivere Darstellung ermögliche, als ein Schauspieler je zu leisten imstande wäre. Der Schlüssel zu den Prinzipien der Ästhetik der Über-Marionette liegt in der Aussage, dass Kunst nur vermittels hundertprozentiger Unterordnung der schöpferischen Mittel unter den Willen des Künstlers zustande kommen könne. Craig verurteilt konsequenterweise den Realismus als bloße Nachahmung ohne genuinen künstlerischen Ausdruck. Dem Schauspieler fehle sowohl die freie Verfügbarkeit über seine gestalterischen Mittel, als auch die Möglichkeit, unabhängig von bestimmten Vorbildern zu arbeiten, weswegen er nicht als Künstler gelten könne – die Konsequenz müsse sein, den Schauspieler von der Bühne zu verbannen und an seine Stelle die Über-Marionette treten zu lassen. Obgleich ältere Literatur dieses Konzept lediglich als Metapher für einen neu zu schaffenden Schauspielstil deutet, machen die Notizbücher Craigs doch klar, wie konkret die Idee einer Über-Marionette war: Zeichnungen zeigen Gestalten in langen, grauen Kostümen mit Masken, als Materialien führt Craig neben Pappmaché und Stoff auch Holz an.
Zitat aus wikipedia.org/wiki/Edward_Gordon_Craig:

Dienstag, 18. Dezember 2007

Trance – Trans

In der letzten Seminarsitzung haben wir Menschen in Trance von ganz nahe gesehen. Wir haben auch erfahren, dass jedermann in Trance fallen kann, nicht nur Auserwählte.
Feststellungen:
1. Ein Mensch im Trancezustand gleicht einer Gliederpuppe, die keinen eigenen Willen mehr hat, sondern von etwas Fremdem geführt wird. Oder anders: Die Seele verlässt einen Menschen und macht einer fremden Seele Platz, die dann von diesem Menschen Besitz ergreifen kann – er ist besessen. Wem gehört die fremde Seele? Ist es die Seele eines anderen, womöglich verstorbenen, Menschen, manifestiert sich durch diese Seele ein göttliches Wesen – Nebenfrage: Haben Götter auch eine Seele? – oder schleichen sich gar böse Geister ein, die nur darauf lauern, dass ein Mensch in Trance fällt, also sich als kurzfristige Wohnung darbietet? – Nebenfrage: Was sind Geister?
2. Ein Mensch, dem es gelungen ist, in Trance zu fallen, fühlt sich auserwählt, geehrt. Der Trancezustand ist also ein ertrebenswerter. Warum? Was ist so toll daran, nicht mehr Herr über sich zu sein, keinen eigenen Willen mehr zu haben, ganz von einer anderen, "Fäden ziehenden" Macht abhängig zu sein?
3. Ein Mensch in Trance befindet sich in einem Grenzgebiet. Er hat eine Grenze überschritten, hat transgrediert. Er ist nicht mehr sich selbst, aber auch nicht ganz jemand anders, sondern er ist ein Gefäss, ein Angebot. Tut sich der Mensch generell schwer damit, sich in seiner Haut wohl zu fühlen? Ist er gierig danach, ein anderer zu werden, oder mindestens in einen anderen Zustand zu geraten? Ist das eine mögliche Antwort auf Punkt 2?