Samstag, 16. Februar 2008

Schamanen, Zauberer, Marionetten, Schattenspiele, Scherenschnitte

In einem erst kürzlich publizierten Buch* habe ich folgende Passage gefunden:

Zum Marionettentheater:

Gedruckt zu lesen, wäre freilich manches oft nicht zum Aushalten, was im (Marionetten-)Spiel sich gut ausnimmt. Es ist sonderbar, aber mir wenigstens kommen die Marionetten viel ungezwungener, viel natürlicher vor als lebende Schauspieler. Sie vermögen mich viel mehr zu täuschen. Beim Schauspieler weiss man, er möge unter einer Rolle auftreten, unter welcher er wolle, eben immer, wer es ist, es steht ja schon auf dem Comödienzettel: König Artur – Herr Krebs u.s.w. Die Marionetten aber haben kein aussertheatralisches Leben, man kann sie nicht sprechen hören und nicht kennen lernen, als in ihren Rollen, auch tragen sie keinen Namen und heissen weder Madame noch Monsieur. Bei Marionetten und Schattenspielen ist eher die Täuschung, als gehe die Begebenheit wirklich im Ernste an einem Orte der Welt vor und könne wie durch einen Zauberspiegel hier im Kleinen, als in einer camera obscura mit angesehen werden. Das Fach der Marionetten und Schattenspiele stünde einem wahrhaft noch zur Bearbeitung offen. (aus dem Briefwechsel v. J. Kerner mit seinen Freunden, siehe*, S. 35)

Frei übersetzt heisst das wohl: Marionetten sind die wahrhaftigeren Schauspieler!



Und zum Schattenspiel:

K. A. Varnhagen hebt den geselligen Charakter des Ausschneidens und die durchschlagende Wirkung der Scherenschnitte in Gesellschaft hervor. Deshalb grenzt er sich zunächst gegen die "herumziehenden Silhouetteurs" ab, "die hungrig an der Wirtstafel für einige Groschen jede Philister-Physiognomie gut oder übel aus ihren Klauen abstrahieren". (*, S. 60)

....Varnhagen beschreibt hier zunächst die für die Scherenschnitte benötigten Geräte: ein Blatt Papier, eine Schere, ausreichend Licht durch die Lampe, gegen die das Papier gehalten wird. Der Scherenschnitt ist eine handwerkliche Kunst. Zudem wird sie, was ihre Ausführung betrifft, offen vor den Augen der Zuschauer ausgeführt. Die Zuschauer sind in den Prozess einbezogen: die allmähliche Verfertigung der Bilder beim Ausschneiden.... (*, S. 61)

Wir erinnern uns an die Beschreibungen von Schamanen-Heilungen in der Öffentlichkeit, an die Vorführungen von Zaubertricks ohne Netz und doppelten Boden, wo die Offensichtlichkeit des Tricks die Faszination erhöht, sowie an die penible Unterscheidung zwischen Meister und Scharlatan.
Apropos 'Werkzeug':

...Varnhagens Hilferuf nach "einer guten Scheere"...wird erhört. Am 7. Februar 1809 meldet Varnhagen an Rahel Levin: "Von Froriep hab ich eine ziemlich gute Scheere bekommen, die vormals zu Augen-Operationen diente."
Der Satz Varnhagens ist zunächst einmal in all der Materialität und Pragmatik zu nehmen, die ihn diktiert. Scheren, die zu Operationen verwendet worden sind, mussten in der Tat scharf und feingeschliffen sein. Selbst eine ausgediente und ausgemusterte Operationsschere stellte also ein ziemlich gutes Gerät zum Scherenschneiden dar. Darüber hinaus ruft jedoch die 'Augenschere' ein dichtes diskursives Gefüge auf, das sich aus den Elementen Sichtbarkeit, dem operativen Eingriff und dem Freilegen des Inneren' und der medialen Modellierung des Schattens als Mittler zwischen der inneren Signatur und dem äusseren, medial festgehaltenen Bild zusammensetzt – und damit einmal mehr die Grenze zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit variiert. ....(*, S. 57)

.....Aber zugleich soll in den Schatten nicht nur die Aussenhaut der Dinge und Menschen zu erkennen sein und schon gar nicht ein flüchtiger Augenblick; vielmehr sollen sie den inneren Charakter preisgeben. (*, S. 58)

Ei der Taussig!

* Braun, Peter: Mediale Mimesis. Licht- und Schattenspiele bei Adelbert von Chamisso und Justinus Kerner. München: Fink, 2007.

Keine Kommentare: