Freitag, 1. Februar 2008

Bunraku – "Dolls" (Sitzung v. 24.01.08)

Ja, was machen wir jetzt damit:
Puppen, die so menschenähnlich wie möglich gestaltet werden, um in einer Puppenspielart benutzt zu werden, die relativ illusionslos funktioniert. Die Puppen werden von drei Spielern geführt, sichtbar für die Zuschauer, ohne Verdunkelung, wenn man die Verhüllung der Gesichter von zwei der drei Spieler ausser Acht lässt. Bunraku ist ein sehr kunstvolles künstliches Spiel mit sehr kunstvoll gearbeiteten, möglichst naturgetreuen Puppen.
Annahme: Es sollen wohl zwei Dinge deutlich werden:
Es geht um uns, die Zuschauer; wir sollen uns in den Puppen wiedererkennen.
Es geht um unser Schicksal; wir sollen (neu) erkennen, dass wir vollkommen fremdgesteuert sind.
Frage: Sollen wir uns angesichts dieser unerfreulichen Tatsache bescheiden? Und uns netterweise auch wie Puppen benehmen, wenn wir schon als solche gedacht sind?
Oder haben wir eine Alternative und sind aufgerufen, die Lähmung, die die Erkenntnis des Ferngesteuertseins auslöst, abzuschütteln und selber aktiv zu werden, unser Leben selber in die Hand zu nehmen? (Wie der stark Behinderte, der sich seine Beweglichkeit nicht nehmen lässt?)

In einem anderen Seminar habe ich aus berufenem Munde vernommen, dass der (europäische) Mensch des 19. Jahrhunderts nicht mehr tragödienfähig gewesen sei. In „Dolls“ werden die Protagonisten dadurch wieder tragödienfähig, dass sie sich nicht vor ihrem Schicksal drücken, das darin besteht, sich entgegen den Plänen des Vaters für die Liebe zu entscheiden und die Konsequenzen zu tragen, den gemeinsamen Tod. Allerdings wird es so dargestellt, als ob es nicht ihre Entscheidung wäre, sondern als ob es gar keinen anderen Weg gäbe – die Puppenspieler bestimmen ja ihr Leben.

Aber es gäbe durchaus Alternativen. Wahrscheinlich ungewisse, mühselige, leidvolle...
Kann man sich eventuell auch aus der Eigenverantwortung stehlen, indem man den „tragischen“ Weg wählt?

Ich weiss wenig über asiatische Kulturen und weiss nicht, ob man zu diesem Film solche Überlegungen überhaupt anstellen kann.

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