Dienstag, 18. Dezember 2007

Trance – Trans

In der letzten Seminarsitzung haben wir Menschen in Trance von ganz nahe gesehen. Wir haben auch erfahren, dass jedermann in Trance fallen kann, nicht nur Auserwählte.
Feststellungen:
1. Ein Mensch im Trancezustand gleicht einer Gliederpuppe, die keinen eigenen Willen mehr hat, sondern von etwas Fremdem geführt wird. Oder anders: Die Seele verlässt einen Menschen und macht einer fremden Seele Platz, die dann von diesem Menschen Besitz ergreifen kann – er ist besessen. Wem gehört die fremde Seele? Ist es die Seele eines anderen, womöglich verstorbenen, Menschen, manifestiert sich durch diese Seele ein göttliches Wesen – Nebenfrage: Haben Götter auch eine Seele? – oder schleichen sich gar böse Geister ein, die nur darauf lauern, dass ein Mensch in Trance fällt, also sich als kurzfristige Wohnung darbietet? – Nebenfrage: Was sind Geister?
2. Ein Mensch, dem es gelungen ist, in Trance zu fallen, fühlt sich auserwählt, geehrt. Der Trancezustand ist also ein ertrebenswerter. Warum? Was ist so toll daran, nicht mehr Herr über sich zu sein, keinen eigenen Willen mehr zu haben, ganz von einer anderen, "Fäden ziehenden" Macht abhängig zu sein?
3. Ein Mensch in Trance befindet sich in einem Grenzgebiet. Er hat eine Grenze überschritten, hat transgrediert. Er ist nicht mehr sich selbst, aber auch nicht ganz jemand anders, sondern er ist ein Gefäss, ein Angebot. Tut sich der Mensch generell schwer damit, sich in seiner Haut wohl zu fühlen? Ist er gierig danach, ein anderer zu werden, oder mindestens in einen anderen Zustand zu geraten? Ist das eine mögliche Antwort auf Punkt 2?

Dienstag, 11. Dezember 2007

Eleonora Duse und das Requisit

"Was ihr Körper berührt und was ihre Hände – die berühmten Hände der Duse! – ergreifen, kann sprechen. Sie weiss das und sie bedient sich dessen; wie keine andere vor ihr hat sie sich des Requisits bemächtigt. Eine Rose, ein Tuch, eine Kette – sie bemächtigt sich ihrer und lässt sie sprechen, und während sie selbst still ist, fast unbeweglich bleibt, lässt sie die toten Dinge für sich spielen.
Um sich zurückzurufen, wie das Leblose unter ihrer Hand wie durch einen Zauberstab Leben bekommt und Spiegelbild eines Umschwungs in ihrer Seele werden kann, erinnere man sich nur der Blumen, die sie in der "Kameliendame" in der Szene mit Armands Vater in der Hand hielt.
Diese Blumen schienen während ihres Glückes schlank und himmelsstrebend, – sie schienen in der Sonne zu wachsen, bis sie, als der Zweifel kam, als die Angst kam, als die Hoffnung trog, gleichsam matt wurden; mit Stengeln, die sanken, mit Kronen, die sich neigten, entblätterten sie sich und welkten in ihrer Hand. – und Frau Duse knickte mit zwei, drei kleinen Handbewegungen, die man kaum sah, die Kronen dieser Blumen, und vor uns, vor unseren Augen schienen sie an dem Schmerz Marguerites zu sterben.
Das war eine Macht der Darstellung, die man nicht mir Worten malen kann und die man nicht mit einem Lob kränken will, das nicht an sie heranreicht.
Oder die zwei Rosen in "La Locandiera". Mirandolina trägt sie, als sie hereinkommt. Ganz einleuchtend: die höfliche Gastwirtin will sie zu dem Kuvert des Gastes legen, den sie zu bestricken wünscht. Sie legt sie also hin, zu den Tellern des Kavaliers – und wir vergessen sie, als einen feinen Einfall, wie Frau Duse sie zu Hunderten hat.
Aber Frau Duse vergisst sie nicht. Die zwei Rosen sind ihre Waffe und sie werden beinahe ihre Mitspieler. Sie sind ihr Köder und ihr Schild. Sie beschleunigen die Kurmacherei und sie halten sie auf. Sie bekommen eine Rolle in dem Schauspiel.
Das ist es: die toten Dinge, die eine Duse berührt, werden zu Rollen."
(Zitat Hermann Bahr, in: Nielsen, Frederic.W.: Eleonora Duse (1859-1924). Ein Leben für die Kunst. Freiburg i. B.: Toleranz Verlag 1984.)

Sonntag, 2. Dezember 2007

Lange, längere, längste Leitung

So, das ist nunmehr eine denkwürdige Première. Mittels nicht vollumfänglich nachvollziehbarer Manipulationen bin ich jetzt in der Lage, einen Eintrag in meinen Blog zu machen. Ob dieses Geschriebene hier sich nachher auch auf meiner Seite befindet, werden wir dann sehen. Ob ich nach dieser Aktion jemals wieder auf diese Eingabeseite finden werde, steht auch noch in den Sternen. Aber – the show must go on.

Meine Gründe, dieses Seminar zu belegen:
Erstens: Die fächerübergreifende Komponente. Zweitens: Ich habe keine Ahnung von der Materie. Drittens (oder erstens?): Filme im Balkangrill mit Pizza – ein starkes Argument.

Meine Eindrücke von diesem Seminar bis dato:
Verwirrend. Haben wir schon im Plenum herausgefunden.
Spannend. Fast alles ist Neuland für mich. Aha-, Oho-, und Mamma mia-Erfahrungen. Was gibt es Schöneres?

Der Taussig-Artikel:
Bin 4 Stunden dran gesessen, mit dem Wörterbuch. War das erste Mal, dass ich einen wissenschaftlichen Artikel auf Englisch zu lesen versucht habe. Alles in allem hochspannend, aber ziemlich redundant. Ich meine, auf 4 Seiten hätte man das auch sagen können.

Der Reininger-Film: Geniaaal! Zum Unterkiefer-Hängenlassen, selbst für Omas. Und dieser Film ist von einer Oma! Und die Musik! Laut, aber auch geniaaal. Hätte man wohl leiser machen können. Hätte mich auch weiter hinten hinsetzen können.

Der Anfang von "Being John Malkovitch": So wahnsinnig toll. Für mich war es, als ob ich das erste Mal ein Marionettenspiel, als ob ich das erste Mal einen Film gesehen hätte. Was nun beileibe nicht der Fall ist. Aber das Umwerfende war vermutlich die Kombination. Die Kombination gerade in dieser Art und Weise. Realiter sieht man Marionetten nicht so nah und in Grossaufnahme.

Die anschliessende Seminarsitzung: wunderbar. E.T.A. Hoffmann steigt auf. "Der Sandmann", wo die "Brille", sprich das Fernglas, die fremden Augen, eminent wichtig ist bzw. sind. "Prinzessin Brambilla", die ich vor ca. 30 Jahren gelesen habe. Ich fand diese Story damals absolut toll und auch ziemlich verwirrend, wollte unbedingt etwas darüber machen (damals studierte ich Dt. Literatur und Italienisch in Zürich, genau dasselbe, das ich auch heute tue, bloss diesmal in Konstanz. Na ja, es sind nicht alle Leute superoriginell). Auf jeden Fall hatte ich mich damals in der Brambilla gänzlich verstrickt und trotzdem nie was damit gemacht. Vielleicht bietet sich jetzt die Gelegenheit, wer weiss. Erst mal wiederlesen.