Dienstag, 11. Dezember 2007

Eleonora Duse und das Requisit

"Was ihr Körper berührt und was ihre Hände – die berühmten Hände der Duse! – ergreifen, kann sprechen. Sie weiss das und sie bedient sich dessen; wie keine andere vor ihr hat sie sich des Requisits bemächtigt. Eine Rose, ein Tuch, eine Kette – sie bemächtigt sich ihrer und lässt sie sprechen, und während sie selbst still ist, fast unbeweglich bleibt, lässt sie die toten Dinge für sich spielen.
Um sich zurückzurufen, wie das Leblose unter ihrer Hand wie durch einen Zauberstab Leben bekommt und Spiegelbild eines Umschwungs in ihrer Seele werden kann, erinnere man sich nur der Blumen, die sie in der "Kameliendame" in der Szene mit Armands Vater in der Hand hielt.
Diese Blumen schienen während ihres Glückes schlank und himmelsstrebend, – sie schienen in der Sonne zu wachsen, bis sie, als der Zweifel kam, als die Angst kam, als die Hoffnung trog, gleichsam matt wurden; mit Stengeln, die sanken, mit Kronen, die sich neigten, entblätterten sie sich und welkten in ihrer Hand. – und Frau Duse knickte mit zwei, drei kleinen Handbewegungen, die man kaum sah, die Kronen dieser Blumen, und vor uns, vor unseren Augen schienen sie an dem Schmerz Marguerites zu sterben.
Das war eine Macht der Darstellung, die man nicht mir Worten malen kann und die man nicht mit einem Lob kränken will, das nicht an sie heranreicht.
Oder die zwei Rosen in "La Locandiera". Mirandolina trägt sie, als sie hereinkommt. Ganz einleuchtend: die höfliche Gastwirtin will sie zu dem Kuvert des Gastes legen, den sie zu bestricken wünscht. Sie legt sie also hin, zu den Tellern des Kavaliers – und wir vergessen sie, als einen feinen Einfall, wie Frau Duse sie zu Hunderten hat.
Aber Frau Duse vergisst sie nicht. Die zwei Rosen sind ihre Waffe und sie werden beinahe ihre Mitspieler. Sie sind ihr Köder und ihr Schild. Sie beschleunigen die Kurmacherei und sie halten sie auf. Sie bekommen eine Rolle in dem Schauspiel.
Das ist es: die toten Dinge, die eine Duse berührt, werden zu Rollen."
(Zitat Hermann Bahr, in: Nielsen, Frederic.W.: Eleonora Duse (1859-1924). Ein Leben für die Kunst. Freiburg i. B.: Toleranz Verlag 1984.)

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